Mexico-Hilfe und DFB-Stiftung Egidius Braun feiern Jubiläen
01. Juli 2011 Zurück zur Artikelübersicht »
Der Deutsche Fußball-Bund und seine Stiftung Egidius Braun feiern zwei stolze Jubiläen: Seit 25 Jahren lindert die „Mexico-Hilfe“ die Not der Ärmsten in dem mittelamerikanischen Land. Seit zehn Jahren ist diese Hilfe in der DFB-Stiftung Egidius Braun institutionalisiert. Wie alles begann und wie die „Mexico-Hilfe“ weitergeht, schildert DFB.de-Redakteur Thomas Hackbarth.

Vor 25 Jahren dachte Egidius Braun an ein paar Aktionen. Er wollte Spendengelder verteilen, und auch den Plan, ein Waisenhaus im Land des WM-Gastgebers Mexiko zu unterstützen, gab es bereits. Dass diese ersten Projekte ein Vierteljahrhundert überdauern, daraus die viel umfangreichere „Mexico-Hilfe“ entstehen würde, das ahnte der heute 86-jährige DFB-Ehrenpräsident nicht. Auch nicht, dass der DFB ihm zu Ehren im Jahr 2001 eine Stiftung gründen würde, mit dem die „Mexico-Hilfe“ institutionalisiert wurde.
Im heißen mexikanischen Sommer 1986, war Braun Leiter der deutschen WM-Delegation. Tief in ihm brannte eine innere Verpflichtung zur Hilfe. Fest überzeugt von seiner Mission, trieb der damalige DFB-Schatzmeister die Unterstützung der armen Bevölkerung des mittelamerikanischen Landes leidenschaftlich voran.

Rudi Völler der erste Spender
Wie soll man helfen, wo kann man sinnvoll helfen? Ein altes Waisenhaus, die Casa de Cuna in Querétaro, wurde als erstes Hilfsprojekt ausgewählt. Der erste Spender war Rudi Völler. Immer wieder besuchten während der WM 1986 Gruppen aus dem Team oder der Delegation das Kinderheim, verteilten Geschenke, investierten Geld in Betreuung und Räumlichkeiten, spendeten Zuspruch. Die Kluft war riesig. Hier ein Umfeld, in dem es an nichts mangelte, in dem alles eingesetzt werden konnte, um das angestrebte sportliche Ziel zu erreichen. Die Hälfte der Bevölkerung Mexikos lebte in Armut, erst seit 2004 bessert sich die Situation des Landes langsam.

Schwerpunkte verschieben sich, Prioritäten haben sich verändert, aber die Hilfe bleibt. An das Ursprungsprojekt Casa de Cuna fließen von diesem Jahr an „nur“ noch je 20.000 Euro, die Stadt selbst übernimmt Verantwortung. Wurden vormals 120 Kinder in dem überfüllten Heim versorgt, so sind es heute 70 bis 80 Kinder.

Vor allem eine Spende von Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff (darunter ein Gewinn von 75.000 Euro aus einer TV-Show) und seiner Frau Klara machte es möglich, dass zusätzliche 200.000 Euro für den Bau eines neuen Ausbildungszentrums im Umfeld der Müllkippe von Mexico-City bereitstehen. Ein Zentrum für Kinder und Jugendliche, die mit ihren Familien ihr Dasein auf und an einer Müllkippe rund 25 Kilometer außerhalb des Molochs Mexico-City fristen müssen.

“Von großartigen Idealen geleitet”

14 Jahre nach der Mexiko-WM reiste ein Prominententeam, darunter Guido Buchwald, Joachim Löw und Thomas Buchwald, nach Querétaro. 60.000 Deutsche Mark wurden alleine auf dem Kurztrip eingespielt. Geld, das für den Ausbau des Heimes für Straßen- und Waisenkinder, „Pan de Vida“, gute Verwendung fand. Vieles war schon getan, Brauns Hilfe angekommen, das Leben hatte sich zum Besseren gewendet. Doch Braun und der DFB ließen nicht nach.
Die Hilfe ging nicht nur weiter, sie wurde aufgestockt. Und das kräftig. 2008 brach erneut eine Gruppe des deutschen Fußballs nach Mexiko auf. DFB-Schatzmeister Horst R. Schmidt, Stiftungs-Geschäftsführer Wolfgang Watzke und Dr. Gotthard Kleine, der Geschäftsführer des Kindermissionswerks/Die Sternsinger. Mit dem in Aachen ansässigen Hilfswerk gibt es seit 1993 eine Kooperation. DFB-Stiftung und Missionswerk verdoppeln jeweils den finanziellen Einsatz des anderes – so werden aus einem Euro schnell und unkompliziert zwei für die gute Sache.

Erneut gab es ein Wiedersehen mit den „Patenkindern“, inzwischen erwachsene Männer und Frauen. Fast alle hatten sie ihre Chance genutzt. Türen hatten sich geöffnet, sie waren mutig hindurchgeschritten. Wie etwa die 35-jährige Alejandra Vega, die eine Abteilung bei einer Wirtschaftsprüfungsagentur in Querétaro leitet und sagt: „Hätte mich die ‚Mexico-Hilfe’ nicht gefunden und begleitet, wäre für mich diese Karriere für immer verschlossen geblieben. Die Arbeit der ‚Mexico-Hilfe’ wird von großartigen Idealen geleitet. Nur durch sie bin ich geworden, was ich heute bin.“

“Ich konnte es kaum glauben”
In Guadalajara, einer Millionenstadt im Westen des Landes, rettet die „Mexico-Hilfe“ Leben. So unvorstellbar es klingt: Kinder, deren Eltern für einen langen Zeitraum inhaftiert sind, werden nicht vom Staat versorgt. Falls nicht ein anderes Familienmitglied die Fürsorge übernimmt, brechen diese Kinder oft die Schule ab und verwahrlosen. Lisa Braun ist die Enkelin von Egidius Braun. Vor drei Jahren besuchte sie das Kinderheim der „Schwestern des gefangenen Jesus“.
Irgendwann hielt die BWL-Studentin aus Deutschland ein winziges mexikanisches Baby im Arm. Maria war erst wenige Tage zuvor zur Welt gekommen, ihre Mutter bei der Geburt gestorben. Der Vater verbüßte eine lange Gefängnisstrafe. „Ich konnte es nicht glauben, Maria war ein Baby und dennoch ganz alleine auf sich gestellt“, sagt Lisa Braun, die selbst drei Jahre nach der Stunde null der „Mexico-Hilfe“, im Jahr 1989, geboren wurde. Sie wuchs mit der Vision des Großvaters auf.

Braun freut sich über weitere Zusammenarbeit

Sein Lebenswerk ist ihr Auftrag und Verpflichtung, ein Ballast war es nie: „Ich bin froh, wenn ich mich für andere Menschen engagieren und dabei die Ideen meines Großvaters weitertragen kann.“ Immer wieder haben ehemalige Nationalspieler gespendet, die jüngere Generation beteiligt sich, und auch viele Amateurteams sammeln für Mexiko. „Neben dem Herzblut, das wir alle in die Kinder investieren, ist das großartigste an der Mexico-Hilfe, dass auch nach 25 Jahren noch alles ausschließlich von Spenden getragen wird.”

Der Vater – oder darf man bei 86 Jahren inzwischen Großvater sagen? – der „Mexico-Hilfe“ jedenfalls ist hocherfreut über ein starkes Vierteljahrhundert. „Die Mexico-Hilfe und ich“, sagt Egidius Braun, „wir feiern dieses Jahr unsere Silberhochzeit. Deshalb bin ich dem DFB zutiefst dankbar, dass die Unterstützung mindestens bis 2015 fortgesetzt wird.“ Auch Mexikos Botschafter in Deutschland, Francisco N. González Diaz, der gemeinsam mit Rudi Völler der Schirmherr des Jubiläumsjahres ist, verblüfft die lange Wirkungsdauer der Initiative: „Normalerweise ist die Flamme entfacht, dann erlischt sie. Dass sie bei den Fußballern der WM 1986 lange über das Karriereende hinaus andauert, ist bemerkenswert.“
Drei Weltmeistertitel bei den Männern, zwei bei den Frauen, zusammen zehn errungene europäische Titelgewinne. Sternstunden des deutschen Fußballs. Die „Mexico-Hilfe“, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, gehört auch zur Liste der großen Errungenschaften des DFB. „Ich kenne keinen Sportverband auf der Welt“, sagt Mexikos Botschafter voller Anerkennung, „der soziale Aufgaben so verantwortungsvoll umsetzt wie der DFB.