“Mexico-Hilfe” : Feier mit Beckenbauer und Zwanziger
22. August 2011 Zurück zur Artikelübersicht »
In einer Feierstunde im Weißen Saal des Aachener Rathauses ehren Franz Beckenbauer, Rudi Völler und DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger heute Morgen einen Mann und seine Idee: Egidius Braun und die Mexico-Hilfe.

Der 86-jährige Ehrenpräsident des Deutschen Fußball-Bundes nimmt gemeinsam mit seiner Frau Marianne und seinen Söhnen Rolf und Ferdy an der Feierstunde teil. Redakteur Thomas Hackbarth berichtet für DFB.de.

Rudi Völler spendete als Erster

Tief bewegt von den Eindrücken der Mexiko-Reise der deutschen Nationalmannschaft im Sommer 1985, kehrte Braun nach Deutschland zurück und formulierte erstmals seine Idee: “Nachdem ich das alles gesehen und die Liebe dieser Menschen für unser Land erlebt habe, bin ich entschlossen, in irgend einer Form ein Hilfswerk in Querétaro zu errichten. Unsere Nationalspieler haben mir bereits signalisiert, dass sie ihren finanziellen Beitrag dazu leisten”, sagte Braun, damals noch Schatzmeister beim DFB, auf einer Verbandstagung.

Der erste Funke war geschlagen, das Feuer brennt bis heute, ein Vierteljahrhundert nun schon. Mit mehr als fünf Millionen Euro haben der Deutsche Fußball-Bund, die Egidius-Braun-Stiftung und etliche Nationalspieler mittlerweile Projekte in Querétaro, in Guadalajara und Mexico-City gefördert.

Rudi Völler, damals der erste Spender überhaupt, sagt: “Wäre Egidius Braun nicht DFB-Präsident geworden, hätte sich die Mexico-Hilfe nie so entwickelt. Es gehört außer dem Willen auch Einfluss dazu.”

“Es waren katastrophale Zustände”

Als Braun die Mannschaft im Sommer 1985 eines Mittags mitnahm zum Besuch eines Waisenhauses in Querétaro, begleitete auch Margot Bauer die Spieler und den Trainerstab. Die heute 65-Jährige lebt mit ihrem Mann Christof seit nunmehr 38 Jahren in Querétaro, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, etwa 200 Kilometer nordwestlich von Mexico-City.

Sie erinnert sich: “Es waren katastrophale Zustände. Mehr als 100 Kinder lebten auf engstem Raum, der Babysaal hatte kein Fenster, alle schliefen auf Pritschen. Die Kinder spielten im Hof, der war voller Müll. Überhaupt waren es furchtbare hygienische Zustände”.

Auch Franz Beckenbauer, damals Teamchef und fünf Jahre später Weltmeister mit Deutschland, erinnert sich an die “windschiefe Baracke” und “einen Anblick, so erbärmlich, wie ich es noch nie erlebt habe”.

Karitative Leistung ohne Kalkül

Es war die Geburtsstunde der Mexico-Hilfe – und damit einer karitativen Leistung ohne Kalkül oder eine langfristige strategische Ausrichtung. Die Hilfe entstand, weil man gesehen hatte, dass Hilfe benötigt wird. Dem ersten Objekt, dem Waisenhaus Casa de Cuna in Querétaro, folgten viele weitere.

Nicht nur ging es immer weiter, die Hilfe wurde immer wieder aufgestockt. Im Haushaltsplan für das Jahr 2010 etwa waren folgende Summen eingestellt: 40.000 Euro für das Casa de Cuna, 10.000 Euro für die Straßenkinder Puebla, 5000 Euro für ein Übergangsheim von Kindern strafgefangener Eltern, 22.500 Euro für den Bau eines Ausbildungsheims in der Peripherie von Mexico-City, 10.000 Euro für die Schulspeisung in Guatalajara, 10.000 Euro für das Mutter-Kind-Heim in Querétaro und eine “Handkasse” von 2500 Euro für Notfälle.

Im Rahmen seiner “Welcome Tour” zu den WM-Teilnehmern reiste Franz Beckenbauer 2006 nach Mexiko. 20 Jahre später stand er wieder in dem Waisenhaus in Querétaro. Dank der Hilfe des deutschen Fußballs hatte sich viel verändert. “Aus der fürchterlichen Bruchbude”, beschreibt Franz Beckenbauer, “war die Casa de Cuna geworden, fast ein Palast mit vergleichsweise paradiesischen Zuständen in Sachen Unterbringung, Hygiene, Nahrung und medizinischer Versorgung.”

24 mexikanische Waisenkinder leben bei deutschen Familien

Das Geld kam aus Deutschland, die Verwaltung übernahmen die Bauers. Christoph Bauer war nach seinem Maschinenbaustudium 1960 nach Mexiko ausgewandert, später hatte er mit seiner Frau Margot eine Firma für Wasserpumpen gegründet. 23 Jahre lang waren sie Treuhänder des Spendengeldes der Mexico-Hilfe.

“Das war viel Arbeit, aber wir waren noch so jung. Heute weiß ich gar nicht mehr, wie das damals ging”, sagt die gebürtige Ulmerin, die hofft, bei der Feierstunde dabei sein zu können. Ihr zehn Jahre älterer Mann liegt nach einem schlimmen Sturz in einer Rehaklinik in Baden-Baden, doch nach Aachen möchten beide gerne kommen. Margot Bauer: “Wir hatten über die gesamte Zeit einen engen Kontakt zu Egidius Braun und zu Horst R. Schmidt, dem damaligen DFB-Generalsekretär. Wenn wir ein Problem hatten, mussten wir nie lange auf Antwort aus Frankfurt warten.”

24 Waisenkinder aus Querétaro haben inzwischen in Deutschland eine neue Familie gefunden. Im November kommt es in der Sportschule Hennef zum zweiten Treffen der “Querétaro-Kinder” – auch das wollen die Bauers miterleben. Und auch die Zukunft der Mexico-Hilfe ist gesichert. Bis 2015 hat der DFB das Budget bewilligt, und nach wie vor trägt die Spendenbereitschaft etlicher ehemaliger Nationalspieler, darunter Rudi Völler, Thomas Berthold, Lothar Matthäus, Toni Schumacher und Uli Stein.

Mexikanischer Botschafter begeistert

Francisco González Diaz ist gemeinsam mit Rudi Völler Schirmherr des Jubiläumsjahres. Auch den mexikanischen Botschafter in Deutschland begeistert die Kontinuität der Mexico-Hilfe. “Normalerweise”, sagt Diaz, “ist die Flamme entfacht, dann erlischt sie. Dass sie bei den Fußballern der WM 1986 lange über das Karriereende hinaus andauert, ist bemerkenswert.”

“Wenn es die Mexico-Hilfe nicht gegeben hätte”, sagt Margot Bauer, “hätte das Waisenhaus und die deutsche Schule in Querétaro längst schließen müssen. Die Mexikaner, die ja oft sehr gläubig sind, nennen die Hilfe aus Deutschland ein Geschenk des Himmels.”

Video: Mexiko-Hilfe feiert 25-jähriges Bestehen