Stefan Hähnlein: Von Leverkusen über Holland nach Rio
20. Februar 2015 Zurück zur Artikelübersicht »
Stefan Hähnlein bei den Paralympics 2012 in London.

Stefan Hähnlein bei den Paralympics 2012 in London.

Einer der Nachwuchssportler, die im Rahmen der Nachwuchseliteförderung paralympisch durch die DFB-Stiftung Egidius Braun und die Deutsche Sporthilfe unterstützt werden, ist Stefan Hähnlein. Der angehende Betriebswirt betreibt eine Sportart, die einzig bei den paralympischen Sommerspielen vorkommt: Sitzvolleyball. Rainer Kalb stellt den oberschenkelamputierten Spitzensportler vor.

Früher spielte Stefan Hähnlein begeistert Basketball. Für den 1,84 Meter großen Hünen die ideale Sportart. Doch im Jahr 2002 stürzte der damals 12-Jährige während eines Familienurlaubs auf einem Bauernhof von einem Heuboden und verletzte sich dabei am rechten Bein. Als die Schmerzen auch nach dem Urlaub nicht verschwanden, sogar stetig zunahmen, ging der am 12. Juni 1990 in Berlin geborene Stefan mit seiner Mutter zur Untersuchung ins Krankenhaus. Doch statt eines befürchteten Knochenbruchs enthüllte die Röntgenaufnahme noch Schlimmeres: Knochenkrebs am rechten Oberschenkel, eine seltene Krebsart, die bevorzugt bei Kindern und Jugendlichen auftritt. „Ich konnte gar nicht realisieren, was das bedeutet. Aber als meine Mutter in Tränen ausbrach, merkte ich, dass es eine ernsthafte Krankheit sein muss“, erinnert sich der heute 24-Jährige. Ob der Sturz für den Knochenkrebs verantwortlich war, können die Mediziner weder ausschließen noch bestätigen.

Eine Chemotherapie brachte nicht den erhofften Erfolg, der Knochen war durch den Krebs so porös, dass man ihn nicht mehr erhalten konnte; das Bein musste amputiert werden. „Bei mir wurde eine Umkehrplastik vorgenommen. Die Stelle, wo der Krebs saß, wurde entfernt, dann der Unterschenkel um 180 Grad gedreht und dort angesetzt, wo der Oberschenkel abgenommen wurde. Das Fußgelenk übernimmt seither die Funktion des Kniegelenks“, erklärt Hähnlein. „Vorteil ist, ich bin mobiler und nicht auf ein elektronisches Knie angewiesen.“

Stefan Hähnlein vom TSV Bayer 04 Leverkusen beim Pritschen.

Stefan Hähnlein vom TSV Bayer 04 Leverkusen beim Pritschen.

Am Wochenende geht’s zum Spieltag nach Holland

Stefan Hähnlein, der aktuell in Köln Betriebswirtschaftslehre studiert und seit fünf Jahren für den TSV Bayer 04 Leverkusen aktiv ist, wollte und konnte auch nach der Operation nicht vom Sport lassen. „Deshalb bin ich erst einmal zum Bogenschießen gegangen. Da aber hat mir die Action gefehlt“, sagt er. „Sitzvolleyball war dann genau das Richtige.“ Im Jahr 2004 startete der „Wahl-Rheinländer“ als Aktiver, 2006 wurde er Junioren-Nationalspieler, seit dem Jahr 2009 startet er für die A-Nationalmannschaft. Wie beim „normalen“ Volleyball wird gepritscht, gebaggert, geschlagen, geblockt und geloppt – auch ein Hechtbagger ist öfter zu sehen. Lediglich das Spielfeld ist mit fünf mal sechs Metern kleiner und das Netz hängt nur auf einer Höhe von 1,15 Meter. „Sitzvolleyball ist gegenüber dem normalen Volleyball das, was in der Leichtathletik Gehen im Vergleich zum Laufen ist“, sagt Hähnlein. Er sieht seinen Sport in Deutschland noch in der Entwicklungsphase: „Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir genügend Vereine finden müssen, um eine eigene Liga zu gründen.“ Aufgrund der überschaubaren Anzahl an bundesdeutschen Sitzvolleyball-Klubs, spielt Hähnlein mit „Bayer 04“ in Holland: „Wir haben eine Spielgemeinschaft mit dem BVC Holyoke in den Niederlanden gebildet, und deshalb bin ich jetzt schon holländischer Meister.“

Pragmatisches Denken. Von Leverkusen aus sind die Entfernungen bis zur holländischen Nordseeküste kürzer als nach Süddeutschland. Sieben Vereine, die pro Saison drei Mal gegeneinander spielen. Freitagnachmittags findet das Training in Leverkusen statt, danach geht es mit den Fahrzeugen direkt nach Holland. Dort steht abends noch einmal eine Trainingseinheit an, ehe am nächsten Tag der Spieltag der Ehrendivision beginnt. Leistungssport pur.

 

Stefan Hähnlein startete 2004 als Aktiver, 2006 wurde er Junioren-Nationalspieler, seit 2009 startet er für die A-Nationalmannschaft.

Stefan Hähnlein startete 2004 als Aktiver, 2006 wurde er Junioren-Nationalspieler, seit 2009 startet er für die A-Nationalmannschaft.

Nächstes Ziel: Paralympics 2016

Um die Anzahl der Aktiven weiter in die Höhe zu treiben und damit eine eigene Liga in Deutschland etablieren zu können, betreiben die Sitzvolleyballer auch schon Inklusion in jeder Hinsicht. Hähnlein, mit einem Schuss Humor: „Bei uns dürfen auch – außer bei den Paralympics und anderen internationalen Wettbewerben – Menschen ohne Handicap mitspielen; nur, denen fällt das Sitzenbleiben sehr schwer.“ Und gemischte Mannschaften im Sinne von Frauen und Männern gibt es auch.

Das Material wird bei den Spielen nicht geschont. Hähnlein verbraucht alle drei Monate eine Torwarthose und pro Jahr drei Paar Schuhe. „Die Schuhe kosten 60 Euro pro Paar, die Hosen müssen gekürzt und umgenäht werden, die Fahrtkosten zum Training – da ist die zusätzliche Unterstützung der Stiftung natürlich sehr willkommen.“ Bis zu 4.000 Euro erhält Hähnlein im Rahmen der Nachwuchseliteförderung paralympisch jährlich.

Und wie ist das Zusammenspiel mit den Mitspielern ohne Behinderung? Hähnlein: „Die Koordination zwischen Rutschen, wofür die Arme benötigt werden, sowie dem Ballspielen ist am Anfang ziemlich schwer. Und manchmal springen sie auf, um einen Ball zu blocken, und vergessen, dass sie eigentlich nicht in der Luft herumfliegen dürfen. Na ja, wir hüpfen manchmal auch ein wenig, in der Hoffnung, dass der Schiedsrichter es nicht sieht. Aber im Grunde ist der ständige Bodenkontakt mit dem Gesäß vorgeschrieben.“

Stefan Hähnlein bei der Annahme. Wie beim „normalen“ Volleyball wird gepritscht, gebaggert, geschlagen, geblockt und geloppt – auch ein Hechtbagger ist öfter zu sehen.

Stefan Hähnlein bei der Annahme. Wie beim „normalen“ Volleyball wird gepritscht, gebaggert, geschlagen, geblockt und geloppt – auch ein Hechtbagger ist öfter zu sehen.

Die Liste der Erfolge Hähnleins ist lang: mehrfacher Deutscher Meister, Silbermedaille beim Weltpokal 2010 in Ägypten, 3. Platz bei der Junioren-WM 2007 und Bronze bei den Paralympics 2012 in London. Zuletzt war der sechste Platz bei der WM in Polen für Linkshänder Hähnlein, der mit der Rückennummer 5 als Zuspieler agiert, eher enttäuschend: „Wir hatten uns wirklich mehr erwartet.“ Doch der Sportler blickt schon wieder optimistisch in die Zukunft. Sein großes Ziel bleiben die Paralympics in Brasilien im Jahr 2016. In Rio will Hähnlein, der als besonders zuverlässig und trainingsfleißig gilt, dann mit seiner Mannschaft wieder für Deutschland eine Medaille gewinnen. Am liebsten eine mit goldenem Glanz.

Weitere Informationen unter www.sitzvolleyball.de

 

 

Stefan Hähnlein studiert aktuell in Köln Betriebswirtschaftslehre und ist seit fünf Jahren für den TSV Bayer 04 Leverkusen aktiv

Stefan Hähnlein studiert aktuell in Köln Betriebswirtschaftslehre und ist seit fünf Jahren für den TSV Bayer 04 Leverkusen aktiv