Schwimmer Tobias Pollap: Sich fühlen “wie ein Rockstar“
20. Mai 2015 Zurück zur Artikelübersicht »

Einer der Nachwuchssportler, die im Rahmen der Nachwuchseliteförderung paralympisch durch die DFB-Stiftung Egidius Braun und die Deutsche Sporthilfe unterstützt werden, ist Tobias Pollap aus Hattingen (Nordrhein-Westfalen). Der Student der Wirtschaftswissenschaften zählt zu den talentiertesten Schwimmern mit Handicap in Deutschland. Rainer Kalb stellt den Spitzensportler vor.

Tobias Pollap zählt zu den talentiertesten Schwimmern mit Handicap in Deutschland

Tobias Pollap zählt zu den talentiertesten Schwimmern mit Handicap in Deutschland

Die Erinnerungen an die Paralympics in London 2012 sind bei Tobias Pollap noch ganz frisch. “Ein halbes Fußballstadion jubelt einem zu“, berichtet der Student der Wirtschaftswissenschaften, der 2017 den Masterabschluss anstrebt, von seinen Auftritten im Aquatic-Center in der britischen Hauptstadt vor rund zweieinhalb Jahren. Rund 15.000 Zuschauer hatten die Athletinnen und Athleten angefeuert. Auch wenn der deutsche Vorzeigeschwimmer in London an Medaillen vorbeischwamm, will er das einmalige Erlebnis nicht missen. Bei fünf Starts bedeuteten zwei achte Ränge (50 m Freistil, 29,57 Sekunden und 200 m Lagen, 2:46,39 Minuten) die besten seiner Platzierungen.

Die Paralympics in Rio de Janeiro 2016 stehen deshalb ganz oben auf seiner Agenda; die Weltmeisterschaften in diesem Juli im schottischen Glasgow sind eine Durchgangsstation. “Ich glaube, dass die Stimmung von London in Rio vielleicht noch getoppt wird“, sagt Pollap, der sich schon an der Themse “wie ein Rockstar gefühlt hat, weil wir so gefeiert wurden“. Leider verschwinden die Behindertensportler nach den Paralympics immer wieder recht schnell aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Pollap: “Ich würde mir wünschen, dass das nach Rio vielleicht ein wenig anders wird, dass die Öffentlichkeit weiter von unseren Leistungen Kenntnis nimmt.“

Pollap: „Hilfe der Stiftung ist von enormer Bedeutung!“

Pollap ist dankbar für die finanzielle Unterstützung der DFB-Stiftung Egidius Braun

Pollap ist dankbar für die Unterstützung der DFB-Stiftung Egidius Braun

Schließlich ist der Aufwand, den der Sportler vom TSV Bayer 04 Leverkusen auf sich nimmt, nicht allzu sehr von dem der Spitzenleute bei olympischen Spielen zu unterscheiden. In der Wettkampfphase geht er einmal pro Tag ins Wasser, in der Ausdauerphase steigert sich dies auf sieben- bis achtmal pro Woche plus zwei bis drei Einheiten im Kraftraum. Da er sich zurzeit auch in der Klausurphase an der Fern-Uni Hagen befindet, bleibt nicht viel Freizeit. Und Pollap ist froh, dass die DFB-Stiftung Egidius Braun mit ihrer finanziellen Unterstützung hilft: “Das ist von enormer Bedeutung, denn einiges muss ohnehin aus der eigenen Tasche finanziert werden.“

Seit 2010 wird er von Trainerin Marion Haas-Faller betreut, ein enges Vertrauensverhältnis ist entstanden. Zusammen haben die Beiden im Training das richtige Maß zwischen Belastung und Regeneration gefunden. Insgesamt mehr als 20 deutsche Rekorde auf der Kurz- und Langbahn stehen für den 28-Jährigen zu Buche. Dabei ist Pollap ein wirklicher Allrounder: Brust, Freistil, Delphin und Rücken – in allen Stilarten hat er schon deutsche Bestmarken gesetzt. Der Fokus im Augenblick liegt auf den kurzen Strecken Freistil und Delphin, weil die Normzeiten auf diesen Distanzen für ihn eher im Bereich des Möglichen liegen.

Schwimmsport seit Kindheitstagen wichtiger Lebensbestandteil

Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung leidet er seit seiner Geburt an einer Hemiparese links, einer Halbseitenlähmung. Schon frühzeitig hatte seine Mutter entdeckt, dass Bewegung die beste Therapie für ihren Filius war. “Sie hat mich wirklich ins kalte Wasser geschubst“, berichtet der Nordrhein-Westfale, „daraus wurde meine große Leidenschaft.“ Als Sechsjähriger begann er mit dem Training, zunächst einmal pro Woche. Das Pensum hat sich dann im Laufe der Jahre gesteigert.

“Ich bin allerdings ein Quereinsteiger“, erklärt Pollap, „und bin erst mit 21 Jahren entdeckt worden. Das Training wurde umgestellt.“ Als ziemlich muskulöser Athlet muss er aufgrund der Behinderung mit einem Kraftverlust von “bestimmt 70 Prozent“ klar kommen. Im Vergleich zu Schwimmern ohne Handicap ist dies vor allem an der Technik zu erkennen, seine Zeiten können sich jedoch dennoch sehen lassen.

Über 50 m Freistil beispielsweise stehen 29,47 beziehungsweise 28,74 Sekunden (Langbahn respektive Kurzbahn) zu Buche. Über 50 m Delphin stehen seine Bestmarken bei 32,84 beziehungswiese 32,75 Sekunden.

Inklusion in den Vereinen weiter forcieren

Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung leidet er seit seiner Geburt an einer Hemiparese links, einer Halbseitenlähmung

Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung leidet er seit seiner Geburt an einer Hemiparese links, einer Halbseitenlähmung

Vorstellen kann sich Pollap, dass das Thema Inklusion “vor allem in den Vereinen noch stärker forciert wird“. Gemeinsame Trainingslager sogar mit den Spitzenleuten des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) sind für ihn dann denkbar, “wenn dies vom Deutschen Schwimm-Verband und dem Deutschen Behindertensportverband unterstützt wird“. Auf Vereinsebene sei dies jedoch einfacher zu bewerkstelligen, zumal er von den Zeiten her natürlich nicht mit den DSV-Spitzenschwimmern seines Alters mithalten kann.

Sport ist ein ganz wichtiger Bestandteil im Leben von Tobias Pollap. Bowling und Fahrrad fahren mit Freunden macht er sehr gerne, auch Fußball spielen, “allerdings ist der Muskelkater hinterher nicht so gut für mich als Schwimmer“, berichtet er und lacht dabei.

 

Bildmotive: Ralf Kuckuck / DBS-Akademie