Helfen, wo Hilfe nur selten ankommt: Sailing4Handicaps mit Wojtek Czyz
26. April 2016 Zurück zur Artikelübersicht »

Mit einem Katamaran von Deutschland über Marokko in die Karibik – immer mit dem Ziel, den Menschen vor Ort zu helfen. Wojtek Czyz hat sich im vergangenen Sommer gemeinsam mit seiner Frau Elena Brambilla auf eine beeindruckende Reise begeben. „Ich hatte im Ausland einige Begegnungen, die mich schockiert haben“, sagt der mehrfache Paralympics-Gewinner, der einst bei einem Sportunfall sein linkes Bein verlor. „So viele Menschen sind nach einer Amputation unterversorgt.“ Czyz gründete den Verein „Sailing4Handicaps“, kaufte sich einen Katamaran (eine Lagoon 410), taufte ihn auf dem Namen Imagine und stach in See. Der Kurator der DFB-Stiftung Sepp Herberger bekam auf dieser Reise auch Unterstützung von der DFB-Stiftung Egidius Braun, die in Kooperation mit dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ spontan Kosten für Übergepäck in Höhe von rund 1800 Euro übernahm, als Czyz und seine Begleiter am Flughafen nicht weiterkonnten.

Wojtek Czyz hat sich im vergangenen Sommer gemeinsam mit seiner Frau Elena Brambilla auf eine beeindruckende Reise begeben

Wojtek Czyz hat sich im vergangenen Sommer gemeinsam mit seiner Frau Elena Brambilla auf eine beeindruckende Reise begeben

Erste Station Marokko – Katamaran wird zur Orthopädiewerkstatt

„Die See und die Bewohner sind wundervoll.“ Wojtek Czyz und Elena Brambilla sind im vergangenen Sommer noch nicht lange unterwegs, da lässt sich schon in ihrem ersten Blogeintrag von der Reise lesen, wie fasziniert sie davon sind, mit ihren Katamaran durch die Weltmeere zu segeln. „Die Imagine ist erstaunlich: Manchmal segelnd wie eine Prinzessin, manchmal gelangweilt mit tuckerndem Motor, dann wieder glücklich segelnd auf hohen Wellen.“ Von ihrem Weg lassen sie sich dabei weder von Windflaute, noch von stürmischen Winden abhalten. Erste Station Ende Oktober: Marokko.

„Kinder, die ein Bein verloren haben, trauen sich hier nicht mehr in die Schule, weil sie gehänselt werden. Erwachsene verlieren ihren Job“, berichtet Czyz von der ersten Station. Orthopädiemechaniker Christoph Ganter ist aus Deutschland eingeflogen, die Imagine wird zur Orthopädiewerkstatt. An Bord entstehen neue Prothesen – unter anderem für Kinder:

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„So viele Menschen sind nach einer Amputation unterversorgt.“

Khalid, 12 Jahre alt: „Er kommt aus dem Norden Marokkos und ist seit seiner Geburt Doppeloberschenkelamputiert. In seinem Heimatdorf lebt man hauptsächlich vom Ackerbau“, berichtet Czyz. „In diesen Dörfern gibt es keine Straßen, geschweige denn behindertenfreundliche Einrichtungen. Um in die Schule zu kommen ist er auf seine Familie angewiesen, die aber nicht jeden Tag die Zeit hat, ihn mit seinem maroden Rollstuhl in die Schule zu bringen. „Die Kinder hänseln mich, weil ich im Rollstuhl sitze“, sagt Khalid. Das Team von Sailing4Handicaps fertigte ihm vor Ort eine neue Prothese. „Jetzt kann ich auf zwei Beinen in die Schule gehen. In Zukunft braucht mich niemand mehr in die Schule zu bringen.“

Imad, 7 Jahre alt: „Er verlor seinen linken Unterschenkel, als er an der Bushaltestelle wartete und vom Schulbus überfahren wurde“, sagt Czyz. „Iman ist ein begeisterter Sportler. Er mag vor allem Fußball und Judo.“ Auch für Iman verändern die neuen Prothesen sein Leben: „Endlich kann ich wieder mit meinen Freunden spielen. Es war immer so blöd am Rand zu sitzen und nur zuzusehen. Jetzt bin ich wieder mitten drin!“ Czyz fasziniert: „Er zog seine Prothese an und ging weg, als ob er niemals etwas anderes gemacht hätte.“

Batusch, 17 Jahre alt: Der Jugendliche verlor durch eine Krebserkrankung seinen rechten Unterschenkel. Auch er wurde ausgegrenzt, konnte kaum noch am normalen Leben teilnehmen. „Jetzt habe ich wieder eine Chance im Leben“, sagte Batusch. „Ich kann arbeiten und meine Familie unterstützen.“

Insgesamt fertigte Sailing4Handicaps in Marokko 15 Prothesen an, bevor man sich auf den langen Weg zur nächsten Station machte: die Karibik. Von Marokko aus ging es zunächst zu den Kanarischen Inseln. Dort wurden vor der Atlantiküberquerung noch einmal das Boot gecheckt und die Vorräte aufgefüllt. „Einen so langen Kassenzettel hatten wir noch nie“, schmunzeln Czyz und Brambilla, die sich anschließend alleine auf die 2800 Meilen lange Reise über den Ozean machten. In ihrem Blog berichten sie von „unendlichem Blau, Wellen, Sonne und Wind.“ Und als der Wind nahe den Kapverden einmal nachließ, und sie nach zwei Tagen mit Motorantrieb Sprit sparen wollten, da schalteten sie die Maschinen einfach ab und trieben in aller Stille über das offene Meer. „Sanft, mitten im Atlantik auf den Wellen zu schaukeln, war ein unbeschreibliches Erlebnis.“ Nach wenigen Tagen Flaute ging es mit zum Teil starken Winden schließlich weiter in Richtung Karibik – Weihnachtsfest auf offener See inklusive. Kurz vor dem Jahreswechsel dann die Ankunft in Saint Lucia, ein Inselstaat in der Karibik. „Glück kann den Ozean überqueren und an jeden Ort der Welt kommen“, schrieben die beiden glücklichen Atlantiküberquerer bei ihrer Ankunft.

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„Die See und die Bewohner sind wundervoll.“

DFB-Stiftung Egidius Braun und Kindermissionswerk zahlen Übergepäck

Um jedoch das für die Prothesen notwendige Material in die Karibik zu bringen, waren viele Kilogramm Übergewicht nötig, die sich per Flieger von Deutschland auf den Weg nach Saint Lucia machten. Es war jener Moment, in dem Wojtek Czyz auch die DFB-Stiftung Egidius Braun um Unterstützung bat. „Ein beeindruckendes Projekt, das wir sehr gerne gemeinsam mit dem Kindermissionswerk unterstützen“, sagt Tobias Wrzesinski, stellvertretender Geschäftsführer der beiden DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger. Stiftung und Kindermissionswerk übernahmen die rund 1.800 Euro für das Übergepäck, der zusätzlich aus Deutschland eingeflogene Orthopädiemechaniker Herbert Ganter konnte gemeinsam mit Czyz und Brambilla mit der Arbeit an den Prothesen beginnen. „Alleine hier in Saint Lucia konnten wir zehn Patienten versorgen und ihnen zudem das Laufen beibringen“, freut sich Czyz. „Das war sehr aufregend, da wir hier keine Infrastruktur für Prothesenbau haben und wir somit die gesamte Prothese an Bord gebaut haben. Gleichzeit haben wir, nennen wir sie mal ‘halbe Orthopädiemechaniker‚, weitergebildet, damit sie nach unserem Ablegen in der Lage sind, kleinere Reparaturen an den Prothesen selbst auszuführen. Somit haben unsere Patienten einen Ansprechpartner, der ihnen weiterhelfen kann. Zum Glück haben wir hier auf Saint Lucia kein amputiertes Kind versorgen müssen. Der Jüngste Patient war 25 Jahre alt.“

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Orthopädiemechaniker Christoph Ganter ist aus Deutschland eingeflogen, die Imagine wird zur Orthopädiewerkstatt

Die beeindruckende Reise von Wojtek Czyz und Elena Brambilla kann weitergehen. „Möglich macht all dies die Unterstützung von Freunden und Förderern“, sagt Czyz. „Mein herzliches Dankeschön gilt der DFB-Stiftung und dem Kindermissionswerk für die spontane finanzielle Hilfe. Wir bringen von unserer Reise unzählige ganz besondere Momente mit. Das Lächeln der Menschen, denen wir helfen konnten, ist wirklich unbezahlbar und mit Worten kaum zu beschreiben.“

 

Wer das Projekt Sailing4Handicaps unterstützen möchte, der findet hierzu weitere Informationen auf der Internetseite des Vereins: www.sailing4handicaps.de .Dort gibt es auch einen Blog. Weitere Impressionen und Eindrücke teilen Wojtek Czyz und Elena Brambilla zudem auf der Facebook-Seite des Vereins unter facebook.com/sailing4handicaps.