“Angel statt Fisch”: Bilanz zur Summer School in Russland
25. Juli 2018 Zurück zur Artikelübersicht »

Frankreich ist Weltmeister, die WM in Russland beendet. Abseits des weltweiten Interesses besuchten 29 Russinnen und Russen, aber auch Teilnehmer aus Moldawien, Armenien, Syrien und Afghanistan, alle unter 30 Jahre, im kleinen Ort Dombai im Nordkaukasus vom 2. bis 7. Juli eine “Summer School”. Das fünftägige Bildungsseminar war Teil des umfangreichen sozialen Engagements des deutschen Fußballs bei dieser Weltmeisterschaft. Die DFB-Stiftung Egidius Braun und die DFL Stiftung finanzierten gemeinsam dieses Projekt.

Dr. Volker Then vom Centrum für soziale Investitionen (CSI) der Universität Heidelberg, Leiter und einer von acht Dozenten der WM-Sommerschule, erklärt, was mithilfe der Mittel des deutschen Fußballs im Nordkaukasus erreicht werden konnte.

Dr. Volker Then: “Meine Erwartungen wurden in jeder Hinsicht deutlich übertroffen”

DFB.de: Herr Dr. Then, 16 Stunden Rückreise und die fünftägige Summer-School liegen hinter Ihnen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Dr. Volker Then: Die Tage dort waren ungeheuer ertragreich, das Niveau übertraf all meine Erwartungen. Klar ist aber auch, eine solche Summer-School muss länger wirken als über eine Woche. Mit Webinaren und Videokonferenzen werden wir den prämierten Projekten zumindest im laufenden Jahr noch mit Rat zur Seite stehen. Und die Summer-School hatte ja auch eine Vorgeschichte. Fast ein Drittel der 29 Teilnehmer betreiben ein bereits am Markt tätiges Sozialunternehmen. Wir hatten 42 Bewerber. Die tatsächlich Eingeladenen hatten erstaunlich konkrete Pläne. Traurig war natürlich, dass wir kein Spiel der deutschen Mannschaft mehr verfolgen konnten. Wir hätten Jogi und seine Jungs gerne aus der Ferne angefeuert.

DFB.de: Konkretisieren Sie doch bitte: Welche Menschen haben sich für die Summer-School beworben?

Dr. Then: Schon die Ausschreibung legte fest, dass alle unter 30 sein mussten. Ohne Ausnahme hatten alle ein Studium abgeschlossen, am Ende hatten wir 13 Frauen in der Gruppe von 29 Teilnehmern. Junge Menschen aus allen Fachbereichen trafen sich in der Summer-School, vom Physiker bis zum Politikwissenschaftler, vom Betriebswirt bis zur Lehrerin. Alle Teilnehmenden sind mit fortgeschrittenen Projekten und sehr präzisen Ideen angekommen. Wir waren spät dran, die Ausschreibung ging erst vier Wochen vorher raus. Viele Teilnehmer kamen mit lokalen Reisebussen an, waren einen Tag oder länger unterwegs. Das lässt erahnen, wie hoch motiviert unsere Schülerinnen und Schüler waren.

DFB.de: Und wer waren die Dozenten?

Dr. Then: Drei Kollegen stammen aus Deutschland, dazu zählen mit mir zwei Dozenten vom CSI der Uni Heidelberg sowie Adrian Fuchs von FASE – Ashoka Deutschland, der vor allem Finanzierungsfragen mit den Teilnehmern behandelt hat. Ashoka ist ein amerikanisches Non-Profit Unternehmen, das in 70 Ländern Sozialunternehmer unterstützt. Russische Kollegen vom Zentrum für Netzwerkinitiativen und von der Universität des Nordkaukasus in Stawropol unterstützten uns. Los ging’s mit der präzisen Fassung der Problemstellung über die Frage nach der Zielgruppe hin zu einem klar formulierten Wirkungsmodell. Am Donnerstag wurde die Finanzierung besprochen. Am Freitag bereiteten sich alle Teilnehmer vormittags auf den Pitch vor, der dann am Nachmittag stattfand. Aus den 23 Projekten haben wir schließlich sechs ausgewählt. Jedes prämierte Projekt bekam ein Preisgeld von 800 Euro überreicht, was im Nordkaukasus der Kaufkraft von zwei Monatslöhnen entspricht.

DFB.de: Welches Projekt hat Ihnen besonders gut gefallen?

Dr. Then: Eines aus Grosny, also aus der Hauptstadt Tschetscheniens. Eine junge Lehrerin und ein Betriebswirt bauen dort gemeinsam eine Organisation auf, bei der Kinder ihre Kommunikationsfähigkeit stärken, indem sie lernen Cartoons herzustellen und selber zu produzieren. Das Projekt funktioniert inklusiv, behinderte Kinder sind an der Produktion der Zeichentrickfilme beteiligt. Zum Projekt gehört auch die erste Crowdfunding-Plattform in Tschetschenien überhaupt. Was ohnehin für viele Projekte der Summer-School gilt, die nämlich oft aus zwei Segmenten bestehen. Immer geht es um das Erzielen von Erträgen und das Adressieren eines sozialen Missstands. In Tscherkessk wird im Jugendzentrum Bison ein Sportstudio mit einem Café und einem Bildungszentrum kombiniert. Das Sportangebot funktioniert als erstes Gesprächsangebot, danach geht es um Bildungsangebote. Dieses Projekt der Jugendarbeit wurde ebenfalls prämiert.

DFB.de: Liefert die Förderung durch einen Fußballträger über das Finanzielle hinaus einen zusätzlichen Wert?

Dr. Volker Then: Die DFB-Stiftung Egidius Braun und die DFL Stiftung förderten die Summer School mit insgesamt 40.000 Euro. Unsere Gespräche begannen mit einer Parallelität, nämlich, dass es beim Fußball wie auch bei der Summer-School um Werte geht – ums Fair Play, um Verschiedenheit, Toleranz und Respekt. Diese Werte sind für den Fußball und genauso in der Zivilgesellschaft von zentraler Bedeutung. Bei unserem allerersten Treffen kamen Tobias Wrzesinski und Stefan Kiefer, die Geschäftsführer der beiden Stiftungen, gemeinsam mit mir schnell auf den Trichter, dass es spannend sein könnte, wenn wir tatsächlich ein Projekt in Russland finden, das diese Werte fördert.

DFB.de: Sie sprechen vom 3. Sektor, einem Bereich neben Markt und Staat, und suchen nach Lösungen, bei denen sich privatwirtschaftliches Gewinnstreben und soziale Ziele kombinieren lassen. Stimmen Sie zu?

Dr. Then: In der Tat. Wenn wir soziale Probleme erkennen, sind wir aufgefordert, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Geht man das Problem ausschließlich durch gemeinnützige Organisationen an, droht immer die Gefahr, dass der Geldhahn irgendwann zugedreht wird. Wenn die Förderung eingestellt wird, stirbt das Projekt. Heute diskutieren wir immer häufiger über sozialunternehmerische Modelle, bei denen wir einen persönlichen Unternehmeransatz mit einer sozialen Problemlösung kombinieren. Diese Modelle müssen keine zweistelligen Profitmargen erzielen, aber sie sollten sich schon selbst tragen können. Jeder kennt doch die Weisheit, dass man einem Hungernden nicht einen Fisch, sondern eine Angel schenken sollte.

DFB.de: Wie lief die Zusammenarbeit, sowohl zuerst mit den Förderern als auch später mit den Projektpartnern?

Dr. Then: Wie schon erwähnt, kam es anfangs zu einem Treffen mit Tobias Wrzesinski und Stefan Kiefer. Wir haben uns schon vergangenen Winter erstmals getroffen. Damals dachte man in beiden Stiftungen intensiv darüber nach, wie man sich im WM-Gastgeberland Russland engagieren sollte, analog dazu, wie man es schon in Brasilien und Frankreich getan hatte. Unter den Bedingungen in Russland, wo es bekanntlich ein sogenanntes Agentengesetz gibt, das internationale Finanzierung von russischen NGOs brandmarkt und kriminalisiert, entstand schnell die Frage, wie sollten wir vorgehen, ohne unseren Partnerorganisationen womöglich noch zu schaden. Die Kooperation mit Menschenrechtsorganisationen ist in Russland oft politisch inkriminiert. Wir hatten die Möglichkeit, das Projekt über die Universitäten zu entwickeln. Dabei haben Regierungsmitglieder der Russischen Föderation sich inzwischen mehrfach öffentlich geäußert, dass es notwendig wird, gesellschaftliche Aufgaben und soziale Leistungen vom Staat auf private Akteure zu übertragen. Die Schulung einer jungen sozialunternehmerischen Elite gehört zu diesen Aufgaben.

DFB.de: Mit Blick auf alles abseits des reinen Fußballgeschehens, wie hat Ihnen die WM gefallen?

Dr. Then: Die WM hat auf beiden Seiten Bilder verändert. Die Fans, die zur WM nach Russland gekommen sind, haben Eindrücke gesammelt, die wunderbar alltäglich waren, ganz unmittelbare Begegnungen mit der russischen Bevölkerung. So etwas hat herzlich wenig mit den politischen Nachrichten aus dem Kreml zu tun. Die Bürger hier feiern jeden Touristen, der nach Russland kommt. Ich erhoffe mir zumindest in nächster Zeit eine gewisse Ausstrahlung auf das Alltagsleben in Russland.

DFB.de: Wenn wir Ihr Interview über die Summer School via Social Media veröffentlichen, wird es viele zustimmende Kommentare geben. Aber sicher auch kritische. Was würden Sie Menschen entgegnen, die hinterfragen, warum der deutsche Fußball ein Projekt im Nordkaukasus finanziert?

Dr. Then: Die Summer-School ist ein Teil des gesellschaftlichen Engagements zur WM gewesen. Der Sport veranstaltet diese internationalen Events, um Brücken zu schlagen, damit sich die Jugend der Welt trifft. Dafür muss es dann auch Gelegenheiten jenseits des Fußballplatzes geben. Es ging hier um die Arbeit mit Menschen, nicht mit Regierungen. Außerdem verfügt Deutschland nun mal über Kompetenzen, die zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur gesellschaftlichen Problemlösung im Nordkaukasus beitragen können. Langfristig bauen wir damit die Zivilgesellschaft und sogar wirtschaftliche Beziehungen auf.

DFB.de: Wie zufrieden sind Sie also mit dem Ergebnis der Summer School?

Dr. Then: Ich bin wirklich begeistert von unseren Partnern und unseren Teilnehmern. Alles hat geklappt. Meine Erwartungen wurden in jeder Hinsicht deutlich übertroffen.

DFB.de: Die Nagelprobe aber liefert die Wirklichkeit. Wagen Sie zum Abschluss doch eine Prognose: Wie viele der sechs prämierten Projekte sind in zwei Jahren am Markt?

Dr. Then: Mehrere sind schon heute am Markt, die Frage ist also, ob sie überdauern werden. Auf die gesamte Summer School betrachtet, denke ich, dass sich ein knappes Drittel am Markt etablieren kann. Damit entstehen neue Arbeitsplätze. Im Nordkaukasus suchen viele selbst nach einem Studienabschluss händeringend nach einem Arbeitsplatz. Die meisten Teilnehmer haben die Summer-School tatsächlich als Lebenschance begriffen. Es ehrt den Fußball, dass er diese Lebenschance möglich gemacht hat.