„Mein Freund ist Ausländer“ – eine noch immer aktuelle Initiative
27. Mai 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

Am frühen Morgen des 29. Mai 1993 brannte im nordrhein-westfälischen Solingen ein Zweifamilienhaus, in dem türkische Familien lebten und zu diesem Zeitpunkt im friedlichen Nachtschlaf lagen. Fünf Menschen starben bei dieser rechtsextrem motivierten Gewalttat. Egidius Braun war seit wenigen Monaten Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Aus seiner spontanen Reaktion entstand die Tradition der Benefiz-Länderspiele. Leider ist das gemeinsame Aufstehen gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit heute immer noch geboten und wichtig.

 

Der damalige Kapitän der Nationalelf, 
Lothar Matthäus (2. v. r.), beim Einlauf zum Benefizspiel am 5.10.1993 in Augsburg.

Vor der Spielpause durch die Coronavirus-Pandemie war es im deutschen Profifußball immer wieder zu rassistischen Anfeindungen gekommen, etwa gegen Jordan Torunarigha vom Bundesligisten Hertha BSC und Leroy Kwadwo vom Drittligisten Würzburger Kickers. So hat Torunarigha geweint, Kwando es mit Fassung ertragen. DFB-Präsident Fritz Keller betonte mit Blick auf die rassistischen Entgleisungen in Bundesliga-Stadien: „Wir haben die Verpflichtung, jegliche Form von Antisemitismus und Rassismus schon im Keim zu bekämpfen.“ Der DFB und die DFL tun vieles, nicht nur symbolisch. Der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit ist ein ewiger. Ob er je zu gewinnen ist? Der Fußball jedenfalls zeigt seit vielen Jahren Haltung und steht für Vielfalt – auf und neben dem Platz.

Mit klarer Haltung für den guten Zweck

So auch am 5. Oktober 1993. Kurz zuvor hatte es, wie im vergangenen Jahr in Kassel, Halle und in Hanau rassistische und rechtsextrem motivierte Anschläge in Mölln und in Solingen mit insgesamt acht Toten gegeben. DFB-Präsident Egidius Braun war entsetzt. Mit all seiner Macht und aus seiner tiefsten christlichen Überzeugung heraus initiierte Braun eine Partie der Nationalmannschaft gegen eine Auswahl ausländischer Bundesliga-Profis. Die Nationalmannschaft führte Lothar Matthäus an, für die Bundesliga-Auswahl liefen etwa Andreas Herzog, Wynton Rufer und Stéphane Chapuisat auf. 21.000 Fans sahen im Augsburger Rosenau-Stadion unter dem Slogan „Mein Freund ist Ausländer“ einen 2:0-Erfolg der Bundesliga-Auswahl. Das Ergebnis aber war reine Nebensache. Es ging darum, gemeinsam Haltung zu zeigen. Haltung gegen Fremdenhass und Rechtsextremismus. Die Trikotbrust der jeweiligen Spieler zierten die Aufschriften „Mein Freund ist Ausländer“ und „friedlich miteinander“. Beim gemeinsamen Abendessen vor dem Spiel schwor Egidius Braun in seiner Tischrede die Teams auf die gemeinsame Botschaft ein und betonte, den Schriftsteller Max Frisch zitierend: „Wir riefen Gastarbeiter, und siehe, es kamen Menschen!“ Ein Satz, der die Spieler sehr berührte. Braun wusste, wovon er sprach, denn als Vorsitzender des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) hatte er bereits in den frühen 1980er-Jahren Maßnahmen initiiert, die die Integration von Gastarbeitern aus Italien und Spanien in die Fußballvereine des FVM zum Ziel hatten.

Neben der klaren Botschaft ging mit der Partie in Augsburg auch ein finanzieller Ertrag einher. Umgerechnet drei Millionen Euro hatte das Spiel – auch dank der Live-Übertragung bei RTL – in die Kassen gespült. Drei Millionen für den guten Zweck. In der Folge wurde der DFB-Sportförderverein gegründet. So kamen die Einnahmen der folgenden Benefizspiele jetzt voll und ganz diesem neuen Verein zugute. Es startete die Tradition der Benefiz-Länderspiele, die seit dem Jahr 2001 durch die DFB-Stiftung Egidius Braun veranstaltet werden, denn mit der Errichtung der Egidius Braun gewidmeten DFB-Stiftung ging der DFB-Sportförderverein in dieser neuen Rechtsform auf. Im Sommer 2016 fand zuletzt eine Partie statt – in Augsburg ging es gegen die Slowakei.

Die Idee der weltweit einzigartigen Länderspiel-Partien für den guten Zweck ist zeitlos, ebenso wie unser gemeinsames Aufstehen gegen Ausgrenzung jeder Art, gegen Antisemitismus und Rassismus. Nein zu Rassismus: Haltung zeigen, zusammenstehen, darauf kommt es heute an – leider genauso wie im Herbst 1993.