Egidius Braun: Sein Wirken ist nachhaltig
28. April 2021 Zurück zur Artikelübersicht »

Der Gepriesene brachte kein Wort heraus. Nicht nur vor Rührung, nach einem Schlaganfall fiel Egidius Braun das Sprechen schwer, und so überließ er es seiner Frau Marianne: „Ich kann auch keine Rede halten, aber ich bedanke mich bei allen, die meinen Mann so geliebt haben.“ Der letzte Tag als DFB-Präsident, exakt heute vor 20 Jahren, war ein großer, weil bewegender, im Leben des Egidius Braun. Damals in Magdeburg wurde er am 28. April 2001 nach einem dreieinhalbstündigen Festakt vor 800 Festgästen zum Auftakt des 37. Bundestages verabschiedet. So etwas widerfuhr keinem seiner Vorgänger und Nachfolger. Egidius Braun, der etwas andere Präsident, zu dessen Freuden im hohen Alter von mittlerweile 96 Jahren es gewiss zählt, mitansehen zu können, dass sein Wirken nachhaltig ist. Dass etwas bleiben wird, auch wenn er mal nicht mehr sein wird.

Egidius Braun winkt

Egidius Braun – Für den Fußball geboren © Imago

Er war kein Geistlicher, aber sie nannten ihn dennoch „Pater Braun“. Nach einer englischen Romanfigur, deren Abenteuer mehrmals verfilmt wurde, einmal mit dem beliebten Schauspieler Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Es war also ein liebevoller Vergleich, den sich Egidius Braun da gefallen lassen musste. Er war sicher einer der beliebtesten DFB-Präsidenten und einer, dessen Ruf durch das Amt keinen Schaden nahm. Als er seinen 95. Geburtstag feierte, sammelten die Mitarbeiter der nach ihm benannten Stiftung Glückwünsche ein, die dann im Jahresbericht publiziert wurden. Natürlich schickte es sich nicht, Unfreundliches zu sagen, doch die Danksagungen sind in ihrer Stoßrichtung so auffallend deckungsgleich, dass für den Leser zwangsläufig ein Bild von einem Menschen entsteht, der vor allem für andere da war. Es trog nicht. Die ihn kannten, wussten das längst.

Der amtierende DFB-Präsident Fritz Keller ließ ausrichten: „Die Werte, die Sie im DFB verankert haben, sind heute wichtiger und wertvoller als jemals zuvor.“ Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher berichtete: „Sein soziales Engagement zeigte sich unter anderem in der Mexico-Hilfe, die auf einem Besuch eines Kinderheims in Querétaro während der WM 1986 basierte. Egidius Braun sensibilisierte uns damals dafür, nicht nur etwas mitzunehmen, sondern auch etwas dazulassen“. Rudi Völler hob hervor, Braun habe „den DFB durch sein soziales Engagement extrem geprägt. Er hat trotz der Belastung immer die Zeit gefunden, sich karitativ zu engagieren. Außerdem beherrschte er das Piano perfekt. Manchmal hat das beruhigt.“ Hans Peter-Briegel, Europameister von 1980, lobte, dass er „uns Spielern immer auf Augenhöhe begegnet ist – nie abgehoben oder herablassend.“ In dieselbe Kerbe schlug Berti Vogts, in der Ära Braun Bundestrainer: „Jeder konnte mit seinen Problemen zu ihm kommen. Allerdings waren Prämienverhandlungen mit ihm schwierig.“ Natürlich, Braun war auch ein Kaufmann, der es mit eigener Hände Arbeit zu etwas im Leben gebracht hatte.

Toni Schumacher und Egidius Braun in einem Sitzungsraum

Braun (r.) 1986 in Mexiko zu Schumacher & Co.: „Auch etwas da lassen“

Bis 1946 in Kriegsgefangenschaft

Im Alter von 13 Jahren begann die Fußball-Karriere des Egidius Braun, der in einem Stadtteil von Stolberg bei Aachen aufwuchs, als Spieler beim SV Breinig. Nach dem Abitur 1943 teilte er das Los, das eine Generation junger Männer traf. Er wurde Soldat und zog in den Krieg. Viele kamen nicht zurück, er schon. Zu seinem Glück geriet er in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde.

Nach seiner Rückkehr war wieder Zeit für den Fußball in seinem SV Breinig, denn den gab es noch. Fußball konnte aber nur Nebensache sein für einen jungen Mann in einem zerstörten Land. Geld ließ sich damit nicht verdienen, weder in Breinig noch anderswo, nicht nach dem Krieg. Aber er war ja ein heller Kopf, studierte Jura und Philosophie und fand zugleich Zeit, sich mit seinem Unternehmen „Kartoffel-Braun“ selbstständig zu machen. Wer so etwas kann, eignet sich für diverse Führungsaufgaben. Als die Deutschen ihr Wunder von Bern feierten, saß er als 2. Vorsitzender schon im Vorstand seines SV. 1956 übernahm er dann im Alter von 31 Jahren den Vorsitz – bis zum 20. Februar 1959.

Die Spielerkarriere war nun zu Ende, die Fußball-Liebe nicht. Der kann man auf mancherlei Art nachgehen, Braun griff nach der Schiedsrichterpfeife und machte den undankbaren Job, ohne den kein Spiel stattfinden könnte, acht Jahre lang. Nicht jedes Spiel ist mit Abpfiff zu Ende, manches geht vor Gericht. Da war der Jurist Braun natürlich eine Idealbesetzung. Zunächst als Beisitzer, dann als Vorsitzender der Spruchkammer des Fußballkreises Aachen, diente er seinem Sport in einer weiteren Weise, die nicht nur Vergnügen bereitet. Dafür muss man geboren sein. Egidius Braun war es.

Bundespräsident Johannes Rau (r.) überreicht dem Ehrenpräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Egidius Braun das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Der damalige Bundespräsident Johannes Rau: „Egidius Braun wird nicht nur geachtet, er wird auch geliebt und das ist bei sogenannten Funktionären selten.“ © picture alliance

„Er wird auch geliebt“

Er wurde das, was man einen Funktionär nennt, einen der menschlichen Sorte. Wie sagte doch Bundespräsident Johannes Rau im Mai 2001 anlässlich der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband? „Egidius Braun wird nicht nur geachtet, er wird auch geliebt und das ist bei sogenannten Funktionären selten.“

Am 4. August 1973 wurde er zum Präsidenten des Fußball-Verbandes Mittelrhein und zum Mitglied des DFB-Beirates gewählt. Drei Wochen später durfte er sich schon Vizepräsident des Westdeutschen Fußball-Verbandes nennen. Auf dem DFB-Bundestag wurde Braun am 28. Oktober 1977 zum Schatzmeister gewählt und war quasi die rechte Hand von Präsident Hermann Neuberger. Ab 1981 war seine Kompetenz auch in internationalen Gremien gefragt: Braun wurde ins UEFA-OK gewählt, zwecks Organisation von EM-Endrunden (1984, 1988 im eigenen Land, 1992). Sein Wirken für den europäischen Fußball würdigte die UEFA später mit der Ehrenmitgliedschaft.

Namensgeber einer eigenen DFB-Stiftung

Die vollständige Aufzählung all seiner Ämter und Auszeichnungen würde den üblichen Rahmen eines Artikels sprengen. Dass er seine verantwortungsvollen Aufgaben gewissenhaft meisterte, bewies das ganz spezielle Geschenk zu seinem 60. Geburtstag, dem 27. Februar 1985: Da wurde Braun das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Vor der „Beförderung“, dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern (1997), stieg er auch innerhalb des DFB auf. Nach 15 Jahren als Schatzmeister löste Braun am 24. Oktober 1992 den verstorbenen Hermann Neuberger ab, nun schon als Präsident eines gesamtdeutschen Verbandes.

Das Präsidentenamt hatte er bis zum 28. April 2001 inne, nach seinem Ausscheiden wurde im Juli 2001 die nach ihm benannte DFB-Stiftung errichtet. Für deren Aktivitäten und Projekte im sozialen Bereich wurden bis Ende 2020 laut Stiftungsbericht 22,5 Millionen Euro aufgewendet, dazu gehören Initiativen wie „1:0 für helfende Hände“, die Kinderträume verwirklicht, oder die Flüchtlingshilfe „2:0 für ein Willkommen“. Als es Anfang der Neunziger zu vermehrten rassistischen Anschlägen kam, gründete der DFB auf Brauns Impuls hin die Initiative „Mein Freund ist Ausländer“. Dabei entstand auch die Idee der Benefiz-Länderspiele – bis heute weltweit einzigartig.

Egidius Braun vor einem dunklen Plakat der UEFA mit Schriftzug "We care about football"

Egidius Braun: Ehrenmitglied der UEFA © Bongarts

„Die Not vieler Menschen“ gelindert

Der Schildwächter, das bedeutet sein aus dem Altgriechischen stammender Vorname, wurde seinem Namen allzu oft gerecht. Sein SV Breinig hob im Glückwunschschreiben zum 96. Geburtstag hervor: „Den Slogan ‚Fußball ist mehr als ein 1:0‘ verbindet man nicht nur direkt mit Deinem Namen, jeder, der Dich kennt, weiß, wie sehr Du diesen Satz in all den Jahren Deines fußballerischen Handelns gelebt und geprägt hast. Du hast es stets als Deine Aufgabe angesehen, die Not vieler Menschen durch den Fußball zu lindern.“

Das beste Beispiel für diese Tatsache liegt 35 Jahre zurück. Während der WM 1986 in Mexiko besuchte Braun mit einigen Spielern ein Waisenhaus und gründete unter dem Eindruck des Elends spontan die Mexico-Hilfe, die 2001 zum Kernstück der ihm gewidmeten DFB-Stiftung wurde. Für sie wurde das meiste Geld im Rahmen der Stiftungsarbeit gesammelt und gespendet, damit auch die Ärmsten der Armen zur Schule gehen können. Neun Projekte für Kinder und Jugendliche fördert Brauns Stiftung in Mexiko.

Helfer um des Helfens Willen

Viele trugen dazu bei, doch der Spiritus Rector war Egidius Braun. Er tat es, um zu helfen und nicht etwa, um das Ansehen des Verbands zu vergrößern. Dass dies in seiner Amtszeit dennoch geschah, ist ein unbestrittener Verdienst des auch bei den Spielern sehr beliebten „Pater Braun“. Nach dem WM-Halbfinal-Sieg gegen die Franzosen setzte er sich 1986 ans Klavier und machte die Musik auf der rauschenden Spontan-Party. Mit der Nationalmannschaft erlebte er viele bewegende und manch schwere Stunden.

Weltmeister wurden die Deutschen unter dem Präsidenten Braun nicht mehr, die beiden Turniere unter seiner Ägide endeten mit dem Aus im Viertelfinale. Sündenbock der Öffentlichkeit dafür war natürlich Bundestrainer Berti Vogts, dem Braun trotz heftigster medialer Angriffe die Treue hielt. Er hielt die Anfeindungen nach der WM 1994 in den USA, von der er Stefan Effenberg nach seiner „Stinkefinger-Affäre“ heimschicken musste, aus und sah sich bestätigt, als die DFB-Auswahl 1996 unter Vogts die Europameisterschaft gewann.

Portraitfoto von Egidius Braun

Er half, um zu helfen: Egidius Braun © Imago

Die schwersten Stunden durchlitt er 1998 in Frankreich, als deutsche Hooligans am Rande des Spiels gegen Jugoslawien den Polizisten Daniel Nivel bewusstlos schlugen. In jener Nacht von Lens sah Braun nur den Menschen, der da um sein Leben kämpfte und nicht irgendwelche sportlichen Ziele. Er wollte die Mannschaft von dem Turnier zurückziehen, erst nach einem emotionalen Telefonat mit Vogts gab er seinen Plan auf. Bis heute kümmert sich der DFB um die Familie Nivel, auch das gehört zu Brauns Vermächtnis.

„Ein Glücksfall für den deutschen Fußball“

Auf dem 36. DFB-Bundestag am 24. Oktober 1998 ging der achte Präsident in seine dritte Amtsperiode, nun wieder voller Tatendrang rief er die Parole aus: „Auf geht’s, DFB, über die Jahrtausendschwelle – ich bin bereit!“ Für weitere drei Jahre. Sie gingen über die Schwelle, sportlich allerdings in eine Talsohle. Turbulenzen auf der Trainerposition und das Vorrundenaus bei der EM 2000 beschwerten seine letzten Amtstage. Auf dem Bundestag in Magdeburg gab er dann seinen Rücktritt bekannt, er war schon 74. An dem besagten feierlichen Festakt nahmen Bundeskanzler Gerhard Schröder, FIFA-Präsident Joseph Blatter und UEFA-Präsident Lennart Johansson, ein enger Freund Brauns, teil – und ein jeder fand lobende, ehrende Worte für den „Schildträger“.

Egidius Braun in seinem Wohnzimmer

Egidius Braun im hohen Alter von mittlerweile 96 Jahren.

Als Schröder ans Mikrofon trat, da spürte jeder, dass da kein Politiker einfach seine Rede ablas, da kam eine Verbundenheit zwischen zwei Menschen rüber, die den Fußball liebten: „Sie sind nicht nur ein Glücksfall für den deutschen Fußball, sondern haben auch international Zeichen gesetzt. Und vor allem waren Sie ein Fürsprecher der Millionen von Fußball-Begeisterten, Sie waren es, der berechtigt immer wieder vor den kommerziellen Auswüchsen des Fußballs gewarnt hat.“ Wie nötig wäre seine Stimme wohl in diesen Tagen, da von der Super League und Millionenablösen für Trainer gesprochen wird.

Der zweite Ehrenpräsident des DFB

Es gab 2001 nicht nur wohlfeile Reden für den Scheidenden. Zur Feier des Tages wurde in Magdeburg auch ein Film gezeigt, der Braun gewidmet war. Der DFB brachte zudem eigens eine Broschüre „Die Ära Egidius Braun“ heraus. Schließlich wurde er nach Gottfried Hinze (1925) zum zweiten Ehrenpräsidenten des DFB ernannt.

So viel der Ehre, aber gewiss nicht zu viel. Und das Glück eines langen und erfüllten Lebens. Egidius Braun war fast 70 Jahre verheiratet mit seiner im Mai 2020 verstorbenen Marianne und hat zwei Söhne – und zwei Fußballvereine. Einen Großen und einen Kleinen. Für die Aachener Alemannia schlug – neben dem SV Breinig – sein Fußballherz. Am alten Tivoli hatten sie ihm immer ein Klappstühlchen am Spielfeldrand reserviert. Das Titelbild des Jahresberichts seiner Stiftung von 2019 zeigte ihn auch im hohen Alter dort noch sitzend. Es wurde gemacht, als die Nationalmannschaft im Frühsommer 2019 ein öffentliches Training am Tivoli absolvierte. Eine Hommage an den besonderen Gast, den niemand jemals eitel schalt.

Hier geht es zur Broschüre „Die Ära Braun“