„Der Fußball ist unser Rezept, um sozial-politische Dinge umzusetzen“
17. Juli 2021 Zurück zur Artikelübersicht »

Die DFB-Stiftung Egidius Braun feiert heute ihren 20. Geburtstag. Auf den Tag genau vor 20 Jahren kam in Köln der Gründungsvorstand zu seiner ersten Sitzung zusammen. Seitdem wurden soziale Projekte in Mexiko, Osteuropa und Deutschland mit weit mehr als 20 Millionen Euro unterstützt. Im Jubiläumsinterview blicken Gründungsgeschäftsführer Wolfgang Watzke und der aktuelle Geschäftsführer Tobias Wrzesinski zurück auf bewegte Zeiten und richten den Blick in eine Zukunft mit neuen Herausforderungen. 

 

Außenaufnahme von acht Männern bei der konstituierenden Sitzung der Egidius-Braun-Stiftung

Teilnehmer der konstituierenden Sitzung der Egidius-Braun-Stiftung im Jahr 2001.

Herr Watzke, Herr Wrzesinski, welches Jahr ist für Sie der Ursprung der DFB-Stiftung Egidius Braun? 2001 wegen der offiziellen Gründung oder 1986 wegen der Mexico-Hilfe?

Wolfgang Watzke: Ich würde es so sagen: Ohne die Mexico-Hilfe hätte es diese Entwicklung mit Egidius Braun bis hin zur Gründung seiner Stiftung kaum gegeben. Ich weiß noch, dass Braun von der Weltmeisterschaft in Mexiko zurückkam und wir am 5. Juli 1986 Verbandstag im Fußball-Verband Mittelrhein hatten, dessen Präsident er zu diesem Zeitpunkt ja war. Anstatt dort eine Grundsatzrede zu halten, wie es üblich gewesen wäre, berichtete er von seinen Eindrücken, die er in Mexiko gesammelt hatte. Das hat alle beeindruckt. In den folgenden Jahren blieb diese Unterstützung für die Kinder in Mexiko ein sehr persönliches Thema für Egidius Braun, wie auch für seinen Freundeskreis und den gesamten Fußball-Verband Mittelrhein.

 

Und dann kam das Schicksal dazu und hat vieles in die richtige Richtung gelenkt…

Watzke: Egidius Braun folgte Hermann Neuberger nach dessen Tod im Amt des DFB-Präsidenten. In dieser Funktion schaffte er es, seinem Anliegen – der sozialen Kraft und Verantwortung des Fußballs – Aufmerksamkeit zu verschaffen, und zwar in ganz Deutschland, auch außerhalb des Fußballs. In dieser Zeit lernte Braun dann Dr. Theo Zwanziger kennen. Beide haben sich bei der Jagd getroffen. Sie saßen stundenlang auf einem Hochsitz und gaben keinen Schuss ab. Stattdessen haben sie über den Fußball gesprochen. Nach diesem Tag beförderte Egidius Braun Theo Zwanziger zum Beauftragen des DFB für soziale Integration. Dieses Amt gab es bis dahin gar nicht, das erwies sich aber strukturell als ein ganz wichtiger Schritt. Es ist und bleibt der große Verdienst von Egidius Braun, dass die Themen der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung als dritte Säule Eingang in die DFB-Satzung fanden. Beim DFB-Bundestag 2001 in Leipzig wurde Egidius Braun dann zum Ehrenpräsidenten ernannt und ihm zu Ehren die DFB-Stiftung Egidius Braun ins Leben gerufen. Die Mexico-Hilfe wurde in die Stiftung integriert.

Tobias Wrzesinski: Mit Blick auf die Gründung der Mexico-Hilfe bin ich entschuldigt. Ich war 1986 drei Jahre alt (lacht). Insofern kann ich mich nur auf Erzählungen und Unterlagen sowie auf die Anekdoten berufen, die mir Wolfgang in den Jahren unserer Zusammenarbeit kenntnisreich berichtet hat. Heute gilt, dass die Mexico-Hilfe und die DFB-Stiftung Egidius Braun untrennbar miteinander verbunden sind und voneinander profitieren. Daran hat mein Vorgänger gemeinsam mit den damaligen Verantwortungsträgern allergrößten Anteil.

 

Portraitfoto von Wolfgang Watzke

Wolfgang Watzke: „Egidius Braun ist eine Galionsfigur für den Fußball als soziale Kraft“.

Herr Watzke, wann war Ihnen klar, welche gesellschaftliche Bedeutung die Gründung dieser Stiftung haben würde?

Watzke: Ziemlich schnell. Ich habe den Fußball nie isoliert gesehen, sondern immer auch dessen gesellschaftliche und soziale Möglichkeiten. Meine Visionen haben mit denen von Egidius Braun übereingestimmt. Während die Sepp-Herberger-Stiftung sehr auf den Fußball fixiert ist, die DFB-Kulturstiftung fußball-kulturelle Fragen im Blick hat, setzt die DFB-Stiftung Egidius Braun starke politisch-soziale Schwerpunkte. Die erste Satzung dieser Stiftung existiert noch als Manuskript, das ich damals handschriftlich mit einem Bleistift auf Rechenkästchenpapier erstellt habe (lacht).

 

Gab es Widerstände? Womöglich auch innerhalb des DFB?

Watzke: Mit Egidius Braun und Theo Zwanziger hatten wir zwei starke Persönlichkeiten auf unserer Seite, sodass wir Widerstände auch mal ignorieren konnten. Klar gab es Skeptiker. Aber wir haben es oft trotzdem einfach gemacht und konnten unglaublich viele Menschen auf unsere Seite ziehen. Vieles entstand im Hintergrund. Die große Show haben wir gerne anderen überlassen. Außerdem haben wir immer darauf geachtet, dass wir möglichst unabhängig agieren können. Das gilt beispielsweise auch mit Blick auf das regelmäßig alle zwei Jahre stattfindende Benefiz-Länderspiel der A-Nationalmannschaft. Darüber ist die Finanzierung der Stiftungsarbeit wesentlich abgesichert.

Wrzesinski: Das stimmt. Dabei braucht es immer die richtige Balance. Freiheit, das bedeutet ja auch, auf der Grundlage unserer Satzung schnell und unkompliziert entscheiden zu können. Gleichzeitig aber sind die DFB-Stiftungen wichtige Akteure im gesellschaftlichen Engagement des gesamten DFB. Die Verbundenheit zu unserem Stifter spiegelt sich personell dabei bis heute in den Führungsgremien. Der geschäftsführende Vorsitzende, Dirk Janotta, verantwortet als DFB-Vizepräsident das Ressort für sozialpolitische Aufgaben und eben auch die Stiftungen. Der DFB-Schatzmeister hat unsere Finanzen im Blick und unterstützt das Stiftungswirken mit all seinem Wissen und seiner Persönlichkeit sehr. Der Präsident, der Generalsekretär und eine Reihe von Vizepräsidenten und Vorstandsmitgliedern zählen satzungsgemäß zu den Mitgliedern unseres Kuratoriums. Der DFB sichert unsere Arbeit finanziell ab und gibt uns starke Rückendeckung. Dafür und für den Doppelpass mit vielen großartigen hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt sind wir sehr dankbar.

 

Tobias Wrzesinski und Wolfgang Watzke nebeneinander auf einer Bank im Freien

Im Interview: Gründungsgeschäftsführer Wolfgang Watzke (r) und der aktuelle Geschäftsführer Tobias Wrzesinski.

War der DFB mit seinen Stiftungen auch mit dem Blick auf andere Fußballnationen ein Vorreiter in Europa?

Watzke:  Klar ist jedenfalls, dass sich auch andere Nationalverbände sozial engagieren. Bei vielen habe ich von außen allerdings den Eindruck, dass das eher Einzelaktionen sind und manchmal kein langfristiges Konzept dahintersteckt.

Wrzesinski: Natürlich ist immer noch mehr möglich, aber ich glaube, wir können mit der Entwicklung des sozialen Engagements im deutschen Fußball in den vergangenen Jahren sehr zufrieden sein. Die Sepp-Herberger-Stiftung war 1977 die erste Fußball-Stiftung, danach folgten Stiftungsgründungen durch Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann und Uwe Seeler. 2001 entstand die DFB-Stiftung Egidius Braun. Heute sind in der Struktur des organisierten Fußballs rund 40 Stiftungen engagiert. Darunter beispielsweise auch die Stiftung der Nationalmannschaft, die DFL Stiftung, die Manuel Neuer Kids Foundation, die Lukas-Podolski-Stiftung, die Horst-Eckel-Stiftung oder die Stiftung von Gerald Asamoah für herzkranke Kinder. In Bälde kommt die Stiftung von EM-Star Robin Gosens hinzu. Die Webseite fussballstiftungen.de gibt bei diesem Thema einen guten Überblick. Darüber hinaus hat der DFB in seiner Abteilung für gesellschaftliche Verantwortung ebenso umfangreiche Programme etwa bei den Themen der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit, für Fair Play und Menschenrechte. Auch bei den DFB-Landesverbänden und den allermeisten Profiklubs passiert sehr viel.

 

Egidius Braun ist inzwischen 96 Jahre alt. Wie wichtig ist er für die Stiftung und bekommt er noch mit, was in seinem Namen gemacht wird?

Watzke: Ich habe vor ein paar Tagen noch mit ihm telefoniert. Sein Geist ist total wach und er bekommt alles mit, das Artikulieren fällt ihm inzwischen sehr schwer. Egidius Braun ist eine Galionsfigur für den Fußball als soziale Kraft.

Wrzesinski: Selbstverständlich ist Egidius Braun für unsere Stiftungsarbeit ganz entscheidend, zumal er der Vorsitzende des Vorstandes ist. Wir stehen fortlaufend mit dem Ehrenpräsidenten und seiner Familie im Austausch. Es ist für mich jedes Mal eine besondere Freude, wenn ich Egidius Braun in seinem Haus in Aachen besuchen darf. Unser Privileg ist es, in seinem Namen und in seinem Sinne wirken zu dürfen und sein Lebenswerk lebendig zu halten. Das ist uns Auftrag und Verpflichtung.

 

Finden die Themen der DFB-Stiftung Egidius Braun auch den Weg in die Öffentlichkeit?

Watzke: Nein, aber das können wir kaum ändern. Wenn Manuel Neuer einen Schnupfen hat, ist das für die Medien interessanter als 20 Jahre DFB-Stiftung Egidius Braun oder 35 Jahre Mexico-Hilfe. Das ist leider so, damit habe ich mich abgefunden. Wie sollen wir mit unserer Flüchtlingsinitiative „2:0 für ein Willkommen“ gegen die Trainerentlassung beim 1. FC Köln ankommen? Das geht nicht. Das ist das große Theater. Wir hingegen sind eine kleine, aber feine Bühne.

Tobias Wrzesinski in einem hellblauen Hemd

Wrzesinski: „Unser Privileg ist es, im Namen von Egidius Braun und in seinem Sinne wirken zu dürfen und sein Lebenswerk lebendig zu halten“.

Wrzesinski: Wir bewegen uns mit dem, was wir tun, in einer medialen Nische. Das ist aber gar nicht schlimm. Insbesondere deshalb nicht, weil wir außerhalb von bisweilen hysterisch diskutierten Themen agieren. Wir führen keine Megafon-Debatten, müssen nicht immer jedem O-Ton hinterherjagen, sondern legen Wert auf Substanz und Qualität bei gesellschaftspolitischen Themen. Ich sage oft, wir dürfen uns um die besonders schönen Themen des Fußballs kümmern und haben dabei wichtige Stärken unseres Sports im Blick. Klar ist: Wir sind für den Fußball da und für die großartigen Menschen, die sich an der Basis oft im Stillen und unbemerkt von den Medien und einer breiten Öffentlichkeit auf bemerkenswerte Weise engagieren. Klar ist aber auch, dass wir uns immer dann, wenn wir es für angezeigt halten, zu Wort melden, unsere Themen kommunizieren und für unsere Werte einstehen. Unter anderem auf Social Media, im DFB-Journal, das an jeden Fußballklub in Deutschland geht, und seit Neuestem mit unserem Podcast “Mehr als ein Spiel”.

 

Wie betrachten Sie die kommenden Jahre aus der Stiftungsperspektive?

Watzke: Ich sehe uns gut gerüstet für die Zukunft. Es ist eine große Leistung von Egidius Braun und seinen Weggefährten, dass seine Stiftung heute so aufgestellt ist, dass sie nicht mehr von einer einzelnen Person abhängig ist. Die Kraft einer Stiftung hängt immer von den Menschen ab, die sich für sie engagieren. Die Themen müssen mit Herzblut vorangetrieben werden. Und das ist der Fall. Hinzu kommt, dass sich das Denken in der Gesellschaft verändert hat. Gerechtigkeitsfragen und das Einfordern von Zusammenhalt – etwa beim Kampf gegen Rassismus oder bei der Umwelt – haben an Bedeutung gewonnen. Viele haben das Bedürfnis, zu helfen, sich einzubringen. Der Fußball ist unser Rezept, um sozial-politische Dinge umzusetzen.

Wrzesinski: Das Schöne an einer Stiftung ist, dass sie für die Ewigkeit gilt. Wir agieren im Hier und Heute, haben dabei die Vergangenheit im Kopf und den Blick in die Zukunft gerichtet. Wir fragen uns im Stiftungsteam stets, was wir für den Fußball und die engagierten Menschen an der Basis tun können. Wir sind viel unterwegs, treffen diejenigen, für die wir uns engagieren, um Antworten auf aktuelle und künftige Fragen zu finden. Stillstand ist Rückschritt und bei allem leitet uns Egidius Braun: Fußball war, ist und bleibt mehr als ein 1:0! Dafür arbeiten wir im ehren- und hauptamtlichen Stiftungsteam zusammen mit unseren Partnern, unseren