Balitsch: „In schwierigen Situationen auch mal vorangehen“
21. Juli 2022 Zurück zur Artikelübersicht »
Balitsch auf Fußballplatz mit Nachwuchsspielern

Hanno Balitsch: „Jeder Trainer geht anders mit Drucksituationen um.“

Die Hitze ist stofflich spürbar, sie drückt und presst, als würde man durch Watte laufen. Die Nachrichten melden am nächsten Morgen, es sei der bislang heißeste Tag des Jahres gewesen. „Als die Stiftung anfragte, ob ich eine Trainingseinheit leiten würde, wussten wir ja nicht, dass der 19. Juli soooo wird“, lacht Hanno Balitsch.

In Wirklichkeit sind es zwei Einheiten, die er an diesem Morgen auf den Plätzen des DFB-Campus leitet. 343 Bundesligaspiele hat er bestritten, war Kapitän der U 21-Nationalmannschaft, spielte später für Bayer Leverkusen, Hannover 96, den 1. FC Nürnberg und ein paar andere Klubs. Sechzehn Jahre dauerte seine herausragend erfolgreiche Profikarriere. Aber jetzt und hier gehört sein ganzes Herz den 48 Nachwuchsfußballern zwischen 13 und 15 Jahren, die er in zwei Gruppen aufgeteilt von 10 Uhr bis kurz nach 13 Uhr über die Plätze 3 und 4 des DFB-Campus jagt. Keine Sekunde Smalltalk an der Seitenlinie, seine Aufmerksamkeit widmet er einzig den jungen Fußballern der Sportfreunde Troisdorf, des SC Wegberg, BSV Roleber und SV Burgsteinfurt.

„Ich war und bin schon jemand, der sich Gedanken macht“

„Das ist fantastisch, man kann das gar nicht glauben, wie der Hanno das macht. Einfach überragend“, freut sich ein Amateurtrainer, der eine Woche Urlaub genommen hat, um seine Mannschaft bei der Fußball-Ferien-Freizeit der DFB-Stiftung Egidius Braun zu begleiten. Maria, eine Doktorandin der Biochemie am Münchner Max-Planck-Institut, leitet die Freizeit. „Gerne hätte ich auch eine Mädchenmannschaft dabeigehabt, aber der Rest passt“, sagt sie. Bei den anderen Freizeiten sind auch Mädchenmannschaften dabei. Marias Gruppe ist in der Sportschule in Grünberg untergebracht, man war im Schwimmbad, veranstaltete einen Wertedialog, heute also der Ausflug nach Frankfurt.

Balitsch ist seit fünf Jahren Assistenztrainer der DFB-Junioren-Nationalmannschaften. Er fördert und fordert Deutschlands größte Fußballtalente. Als Spieler forderte Hanno Balitsch seine Trainer. „Ich war und bin schon jemand, der sich Gedanken macht und die Dinge tendenziell eher kritisch betrachtet. Aber immer im Sinne des gemeinsamen Erfolgs“, betont er. Mit Dieter Hecking, für den er zweimal spielte, geriet er aneinander, in der Saison 2011/2012 bei Leverkusen mit Robin Dutt. Dass er im Winter vom Trainingslager ausgeladen wurde, sorgt heute noch für Restärger bei ihm. Dieses Erlebnis fungiert als Antithese für sein Eigenverständnis als Nachwuchstrainer.

2011 Leverkusener ‚Bauernopfer‘

Egal ob in Hannover, Nürnberg oder Leverkusen, die Fans schätzten Hanno Balitsch für seinen Einsatz und seinen Kampfgeist. Nach einer für den Klub eher enttäuschenden Hinrunde in einer Leverkusener Mannschaft mit Michael Ballack, Simon Rolfes und Stefan Kießling werteten viele Medien die Ausladung von Balitsch im Winter 2011 als fragwürdiges ‚Bauernopfer‘. „Ich war damals die Nummer 14 oder 15 im Kader und dann sagte man mir, ich solle mir einen neuen Verein suchen. Das kann jeder selbst bewerten. Jeder Trainer geht anders mit Drucksituationen um, manche picken sich einen Spieler raus. Ich hoffe jedenfalls, dass ich nie einem Spieler sagen werde, du darfst nicht mit ins Trainingslager fahren, nur um Druck auszuüben, dass dieser Spieler den Verein verlässt. Diese berühmten Trainingsgruppen 2 empfinde ich persönlich als Katastrophe.“

Balitsch auf Fußballplatz mit Nachwuchsspielern

Balitsch: „Hoffen doch alle, dass es immer wieder Typen gibt, die Verantwortung übernehmen.“ (Fotos © DFB)

Seine Art, Dinge beim Namen zu nennen und Abläufe kritisch zu hinterfragen, hat er bis heute nicht geändert. Balitsch freut sich, wenn er in den DFB-Juniorenmannschaften Spieler erlebt, die ähnlich wie er früher ticken. „Wir erhoffen uns doch alle, dass es immer wieder Typen gibt, die in schwierigen Situationen Verantwortung übernehmen und auch mal vorangehen.“

Kleinfeldturnier: „Aber so, dass es raschelt“

Zurück zum Training auf dem Campus. Nach mehreren Passübungen folgt ein Kleinfeldturnier. „Aber so, dass es raschelt“, fordert er. Am Ende des Trainings mit Balitsch pumpen 48 Jungs im Schatten der neuen dreistöckigen Gebäude des DFB-Campus die Wasserflaschen weg. In dem Alter regeneriert man schnell. Fünf Minuten Pause, dann wird Hanno Balitsch belagert, jeder will ein Selfie, einzeln und mit der Gruppe. Er nimmt sich auch dafür die Zeit. Weil es wichtig ist.

Fast 1000 Kinder und Jugendliche, Jungs und Mädchen, sowie Trainer*innen aus 75 Klubs verbringen in diesem Sommer auf Einladung der DFB-Stiftung Egidius Braun eine Fußball-Ferien-Freizeit. Die Kosten für Unterbringung, Verpflegung und Programm trägt die Stiftung. Die Freizeiten finden an den Sportschulen im hessischen Grünberg, in Malente, in der Pfalz in Edenkoben, in Bad Blankenburg, Hennef und Karlsruhe statt. 2023 sind es 30 Jahre seit der ersten Freizeit überhaupt. Damals initiiert von DFB-Präsident Egidius Braun. Die Bewerbungsphase für das nächste Jahr beginnt im September.