FIFA-Schiedsrichter Sascha Stegemann bei den Fußball-Ferien-Freizeiten: „Der Ton macht die Musik“
10. August 2022 Zurück zur Artikelübersicht »

In dieser Woche war Sascha Stegemann bei einer Fußball-Ferien-Freizeit zu Gast, die durch die DFB-Stiftung Egidius Braun ausgerichtet wird. In der Sportschule Hennef diskutierte der Bundesliga-Schiedsrichter, der seit 2019 auch international im Einsatz ist, mit 70 Kindern und Jugendlichen aus den Vereinen FC Prüm, FSV Trier-Tarforst (beide Rheinland), Südwestgirls, TuS Wattweiler (beide Südwest) und VfB Luisenthal (Saarland) über Werte. Im Interview erklärt der 37-Jährige, was ihn an den Gesprächen besonders beeindruckt hat.

 

Sascha Stegemann, um welche Themen ging es konkret im Wertedialog?

Sascha Stegemann: Wir haben in der Diskussion, die wirklich sehr spannend war, ziemlich schnell festgestellt, dass Werte ein sehr weites Feld sind. Die Jungs und Mädchen haben zunächst versucht, die Werte zu ermitteln, die für sie persönlich am wichtigsten sind. Danach gab es eine kleine Fragerunde. Die Zeit ist verflogen. Ich denke, dass es für alle Beteiligten ein sehr spannender Austausch war.

 

Sascha Stegemann spricht vor Jugendlichen

FIFA-Schiedsrichter Sascha Stegemann im Dialog mit den Jugendlichen.

„Mein Hobby zum Beruf gemacht“

 

Welche Werte sind für Sie persönlich entscheidend?

Stegemann: Früher hat der Wert Erfolg für mich eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Das hat sich aber im Laufe der vergangenen Jahre etwas verändert. Mittlerweile ist der Weg zum Erfolg viel wichtiger für mich – also die Weiterentwicklung. Ein weiterer zentraler Punkt ist für mich, Verantwortung zu übernehmen – für mich selbst und mein Handeln, aber auch für andere Menschen. Ich habe versucht, den Teilnehmenden des Wertedialogs zu zeigen, dass man vieles selbst in der Hand hat.

Und wie erleben Sie die Wertediskussion als Bundesliga-Schiedsrichter?

Stegemann: Ich habe das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Inzwischen verspüre ich immer mehr den Drang, etwas zurückzugeben. Ich möchte mich gerne für Menschen einsetzen, die vielleicht nicht so viel Glück hatten, wie es bei mir der Fall war. Ich betreue beispielsweise ein inklusives Schiedsrichtergespann aus Heinsberg. Außerdem haben wir mit den Bundesliga-Schiedsrichtern einen Hilfsfonds gegründet. Dieser steht unter dem Motto „Schiedsrichter helfen Schiedsrichtern“. Damit wollen wir beispielsweise Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern, die unverschuldet in Not geraten sind, unter die Arme greifen.

 

„Mein Gegenüber mit seiner Meinung respektieren“

 

Sind für Sie als Schiedsrichter auch die Werte Fairness und Gerechtigkeit besonders wichtig?

Stegemann: Ja, schon. Aber fast noch wichtiger ist mir der Wert Respekt. Das ist für mich ein zentrales Thema. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir Schiedsrichter zu Neutralität verpflichtet sind. Fairness und Gerechtigkeit sollten deshalb eine Selbstverständlichkeit sein. Mir ist es wichtig, auf dem Platz Entscheidungen zu treffen, die allgemein akzeptiert sind. Und hierbei ist der respektvolle Umgang miteinander ein ganz wichtiger Baustein. Ich versuche immer, meine Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und mein Gegenüber mit seiner Meinung zu respektieren. Es muss nicht sein, dass wir uns am Ende immer einig sind. Aber es sollte alles in einem vernünftigen Rahmen ablaufen: Der Ton macht die Musik.

Wie erleben Sie den Umgang zwischen einem Schiedsrichter und einem Bundesliga-Profi?

Stegemann: Das Spektrum ist sehr breit gefächert. Wenn Menschen auf Menschen treffen, gibt es immer Konstellationen, in denen es besser passt oder eben nicht so gut funktioniert. Auch hier ist die Einstellung entscheidend. Wenn ich dieselben Werte wie mein Gegenüber vertrete, dann stimmt fast immer die Chemie. Grundsätzlich habe ich aber schon den Eindruck, dass sich der Umgang miteinander – insbesondere auch während der Corona-Zeit – spürbar und nachhaltig verbessert hat. Es lohnt sich definitiv, diesen Weg weiterzugehen.

 

Stegemann vor einem Banner der DFB-Stiftung Egidius Braun

Wertebotschafter Sascha Stegemann erläutert sein Wertegerüst.

„Ein bunter Strauß an Werten“

 

Wie haben sich die Kinder und Jugendlichen in der Fußball-Ferien-Freizeit auf den Wertedialog eingelassen? War es schwierig, das Thema bei ihnen zu platzieren?

Stegemann: Überhaupt nicht. Es war super. Ich war danach total geflasht. Es war eine tolle und offene Diskussion. Die Jungs und Mädchen waren begeistert dabei. Besonders imponiert hat mir, dass sie für ihr Alter schon sehr weit sind. Die meisten haben bereits eine klare Vorstellung, was für sie im Leben wichtig ist, und haben auch den Mut, dies vor einer Gruppe von 70 Personen zu kommunizieren. Außerdem haben die Teilnehmenden Fragen gestellt, die sehr intelligent und reflektiert waren. Es war eine gelungene Veranstaltung.

Die Gruppe bestand aus Kindern und Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren. Hat der Nachwuchs ähnliche Werte wie Sie oder sind die Vorstellungen ganz unterschiedlich?

Stegemann: Es gab einige Überschneidungen. Aber ich glaube schon, dass sich die Werte von Jugendlichen zu Personen in meinem Alter grundsätzlich unterscheiden. Wir haben auf unserem Flipchart einen bunten Strauß an Werten aufgeschrieben. Zum Schluss haben wir versucht, uns auf drei zentrale Werte zu fokussieren. Und das war schon sehr, sehr schwierig (lacht).

 

Einsätze in Schweden und im Video-Assist-Center in Köln

 

Und welche sind dabei herausgekommen?

Stegemann: Respekt ist für alle Teilnehmenden ein entscheidendes Thema. Aber auch Akzeptanz und Meinungsfreiheit sind zentrale Werte, die wir in unserem Dialog herausgefiltert haben.

Am Ende durften die Jungs und Mädchen Sie mit allen möglichen Fragen löchern. Haben Sie aus der Runde auch etwas mitnehmen können?

Stegemann: Ganz viel sogar. Ich habe nochmal ein Gefühl dafür bekommen können, was Menschen in diesem Alter wirklich wichtig ist. Bei mir ist das ja auch schon ein paar Tage her (lacht). Mir hilft es, Jugendliche besser zu verstehen. Häufig hört man Sprüche wie „Die Jugend von heute…“ oder „Früher war alles besser“. Aber das ist ja Quatsch. Wenn man mit dieser Altersgruppe erstmal ins Gespräch kommt, kann man bestimmte Verhaltensweisen viel besser einordnen. Ich habe diese Gruppe als sehr reif und intelligent wahrgenommen, die gewisse Dinge gut hinterfragt hat und bereits für bestimmte Werte einsteht. Das hat mich wirklich beeindruckt.

Sie waren am vergangenen Wochenende als Bundesliga-Schiedsrichter bei der Partie VfL Wolfsburg gegen Werder Bremen im Einsatz. Wie geht es hier für Sie weiter?

Stegemann: Während der Woche bin ich in Schweden unterwegs und leite dort ein Qualifikationsspiel für die Conference League. Und am kommenden Wochenende bin ich als Video Assistant Referee im Video-Assist-Center in Köln im Einsatz.

Über die Fußball-Ferien-Freizeiten: Die insgesamt 18 einwöchigen Fußball-Ferien-Freizeiten finden während der Sommerferien in den Sportschulen Hennef, Bad Blankenburg, Edenkoben, Grünberg, Malente und Schöneck (Karlsruhe) statt. Sie sind für die eingeladenen Fußballvereine kostenfrei und ein Dankeschön für das ehrenamtliche Engagement in den Klubs. Die Stiftung übernimmt die Kosten für An- und Abreise, die Unterbringung, die Verpflegung und das abwechslungsreiche Programm. Dabei steht nicht nur das Thema „Fußball“ auf dem Programm. Besuche in Kletterparks, den Stadien und Nachwuchsleistungszentren einzelner Bundesligisten sind ebenso im Fokus wie Teambuilding-Angebote und Informationen zu ehrenamtlichen Tätigkeiten in Fußballvereinen und -verbänden.

 

(Das Interview führte Sven Winterschladen)